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Einführungstext zum Dossier »Akademische Teilhabe«

Eine rote Flügeltür mit drei Türelementen und unregelmäßig geformten Fenstern durch die Schwarz-Weiß-Fotografien im Hintergrund zu sehen sind. Eine Sicherheitstür? Wer kann sie passieren?

 

Qiu Miaojin schrieb in ihrem Roman Aufzeichnungen eines Krokodils (1994, S. 43):

„Die Uni und der Tod sind von gleicher Natur, beides sind Sicherheitstüren, die es ermöglichen, der gesellschaftlichen Ordnung zu entfliehen.“

Mit dieser radikalen Zuspitzung eröffnet Qiu Miaojin eine Perspektive auf Universität, die irritiert. Sie erscheint hier als Schwelle, hinter der andere Regeln gelten – als Möglichkeit, sich normativen Erwartungen zu entziehen. Das gibt uns zwei zu diskutierende Fragen auf: Wer kann diese „Sicherheitstür“ durchqueren bzw. zu welchen Bedingungen und inwiefern bieten Universitäten eine Fluchtstätte vor gesellschaftlicher Ordnung an? 

Qiu Miaojins Vergleich zum Tod, den jeder Mensch dieser Gesellschaft früher oder später erfahren wird, fängt hier an, brüchig zu werden: Während der Tod Alle(n) passiert, passieren nur Wenige die Universität. Der Zugang zur Hochschule ist im Unterschied zum Tod nicht voraussetzungslos. Er ist an formale Qualifikationen, soziale Ressourcen und implizites Wissen gebunden. Die Tür, von der Qiu Miaojin spricht, steht nicht allen gleichermaßen offen und bleibt für manche dauerhaft verschlossen. An diese Überlegung knüpft unser neues Dossier Akademische Teilhabe an. Es führt die Fragestellungen unseres letzten Dossiers zur kulturellen Teilhabe weiter: Während dort die Zugänglichkeit, Mitgestaltung und Aneignung kultureller Räume und Wissen im Zentrum stand, fokussieren wir nun die Hochschule bzw. Universität als spezifischen Ort der Wissensproduktion.

Universitäten reproduzieren gesellschaftliche Ungleichheiten und sind Teil der gesellschaftlichen Ordnung, der es zu entfliehen gilt. Was zunächst als Schutzraum wirkt, erweist sich bei näherer Betrachtung als selektiver Raum, oder – mit Schidel (2025) gesprochen – als eine „hermeneutische Blockade“ (S. 224): Universitäten und Hochschulen gelten seit jeher als Orte privilegierter und exklusiver Wissensproduktion (Przytulla 2021). Sie legitimieren sich über Abgrenzung, Ausschluss und akademisch-elitäre Privilegierung (Goldbach et al. 2026, S. 87). In dieser Situation treten verschiedene, bisweilen widerstreitende Inklusions- und Partizipationskonzepte auf den Plan, die Prozesse der Schließung und Öffnung von Hochschule zum Thema machen. Im Lichte von Inklusion und Partizipation erscheint „Academic Ableism“ (Brown & Leigh 2020) nicht mehr zeitgemäß und werden zunehmend verschiedene Strategien der Öffnung von Hochschule und ‚Academia‘ erprobt. Interessante Ansätze zum Abbau inneruniversitärer Barrieren finden sich etwa bei Bender (2025), der zwischen einem „proaktiven Vorgehen“ (S. 515) – beispielsweise im Sinne des „Universal Design for Learning“ – und einem „reaktiven Vorgehen“ (S. 518) unterscheidet. Während proaktive Ansätze darauf abzielen, Lehr- und Lernstrukturen von vornherein möglichst inklusiv zu gestalten, reagieren reaktive Ansätze vor allem auf individuelle Unterstützungsbedarfe und setzen entsprechend das Offenlegen konkreter Bedarfe voraus. An diese Überlegungen schließen auch Konzepte partizipativer Lehre und Forschung an. Prominent geworden ist hier etwa die Idee der Qualifizierung von sogenannten Bildungsfachkräften (durch das Institut für Inklusive Bildung in Kiel), die für die Entwicklung weiterer Projekte im Kontext partizipativer Lehre wegweisend war (vgl. Goldbach et al. 2026, S. 92ff.).

In dem kommenden Dossier akademische Teilhabe möchten wir also Inklusion und Universität in den Blick nehmen und den Fragen nachgehen: Wie wird Inklusion in Lehre, Studium und wissenschaftlicher Praxis gelebt? Wie wird Inklusion und Partizipation verhindert? Wie werden In- und Exklusionsprozesse in ‚Academia‘ individuell erlebt? Wir wollen Regina Schidels (2025) Vorschlag aufgreifen und den Versuch wagen, hermeneutische Blockaden aufzubrechen: Wir laden euch ein, Qiu Miaojins „Sicherheitstür“ neu zu denken – nicht als individuellen Ausweg aus gesellschaftlichen Verhältnissen, sondern als kollektive Öffnung eines Möglichkeitsraumes zur Kritik an einer gesellschaftlichen Ordnung, die historisch durch Ausschlüsse geprägt ist. (Wie) Kann die Hochschule tatsächlich ein Ort epistemischer Gerechtigkeit werden, ein Ort der Freiheit für alle? (Wie) Kann sie zur hermeneutischen Ressource für alle werden? Wie sähe ein solcher ‚Ort‘ aus?

Zu diesen und ähnlichen Fragen wollen wir in den kommenden beiden Semestern verschiedene Perspektiven in den Dialog bringen.

Dies ist eine Einladung,
eine Einladung zum Mit_Schreiben, Mit_Denken, Mit_Irritiertsein, Mit_Fragen.

 

 

Literatur

Brown, Nicole/ Leigh, Jennifer (Hrsg.) (2020): Ableism in Academia: Theorising Experiences of Disabilities and Chronic Illness in Higher Education. London: UCL Press.

Goldbach, Anne/ Leonhardt, Nico/ Hauser, Mandy/ Hellmann, Helene/ Schuppener, Saskia (2026): Zur (Weiter-)Entwicklung Partizipativer Lehre. Kritische Fragen an Theorie und Praxis in einem sich neu entwickelnden Feld. In: Dies. (Hrsg.), Partizipative Lehre. Kritische Fragen an neue Entwicklungen im Kontext inklusiver Hochschule (S. 83-114). Bielefeld: transcript.

Przytulla, Nicole Viktoria (2021): Exzellent inklusiv. Deutsche Hochschulen zwischen meritokratischer Ideologie und inklusivem Anspruch. Weinheim und Basel: Beltz.

Schidel, Regina (2025): “Behinderung” und Gesellschaft. Ableismus in philosophischer und sozialtheoretischer Perspektive. Berlin: suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2466.

Vöing, Nerea (Hg.) (2025): Praxishandbuch Hochschullehre. Uni-Taschenbücher GmbH; Transcript GbR. Bielefeld: transcript Verlag (utb Hochschullehre, Pädagogik, 6330). Online verfügbar unter https://portal.dnb.de/opac/mvb/cover?isbn=978-3-8252-6330-0.

 


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Clara Burgwinkel, Julia Babiel, Sophia Janke, Marlene Lutz, Alexandra Pelka, Jona Safi Zauner (7. Juni 2026). Einführungstext zum Dossier »Akademische Teilhabe«. Auf*Bruch. Abgerufen am 13. August 2026 von https://doi.org/10.58079/16cqn


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